Emotion und beidseitiger Nutzen

Es war ein schönes Beispiel für die Wechselwirkungen von Kooperation und Emotion, das Ende vergangener Woche in München zu beobachten war: In einem Diskriminierungsprozess eines dunkelhäutigen Mannes gegen zwei Barbesitzer, deren Personal diesem den Zutritt in die Bar Titty Twister verweigert hatte, standen sich beide Seiten höchst unversöhnlich gegenüber – und egal wer vor Gericht gewinnen würde, beide Seiten wären Verlierer: Der Ruf wäre allemal dahin, Geld eine schlechte Kompensation für erlittenes Unrecht. Vorläufig gelöst wurde der Fall durch das Angebot des Diskothekenbesitzers, eine gemeinsame Kampagne gegen Alltagsrassismus anzustoßen. Das Angebot wurde mit großer Freude entgegengenommen, demnächst treffen sich beide Seiten, um gemeinsame erste Schritte zu gehen. Bis dahin ruht das Verfahren. Plötzlich ist Raum für eine Einigung vorhanden – für eine Einigung, aus der beide als Sieger hervorgehen können. Dieser Fall belegt auf beeindruckende Weise die Bedeutung von Emotion auf Bereitschaft zu Konfliktbeilegung und Kooperation. Die emotionale Komponente des Falls ist offensichtlich so stark, dass sie finanzielle Gesichtspunkte (zumindest vorerst) an den Rand schieben kann.

 

Das Gefühl, in seinen Sorgen und Nöten ernst genommen zu werden, scheint eine entscheidende Bedingung für Kooperatives Verhalten zu sein. Experimentell lässt sich dies etwa durch das sogenannte Ultimatumspiel aus der experimentellen Ökonomie belegen: Von zwei Spielern erhält der eine einen Geldbetrag, z.B. zehn Euro und hat nun die Aufgabe, die Summe zwischen sich und dem anderen Spieler aufzuteilen und dem zweiten Spieler ein entsprechendes „Angebot“ zu machen. Nun ist der zweite Spieler am Zug. Er hat zwei Möglichkeiten: Entweder er nimmt das Angebot an und erhält den angebotenen Betrag, oder er lehnt ab – und beide Seiten erhalten gar nichts. Aus spieltheoretischer Sicht wäre es für den zweiten Spieler vernünftig, jeden Geldbetrag ab einem Cent anzunehmen. Tatsächlich aber werden (zumindest in Industrieländern) Angebote unter 30 Prozent der Gesamtsumme in der Regel abgelehnt. Dieses Ergebnis ist extrem stabil über Populationen hinweg und kann mit dem Gefühl erklärt werden, über den Tisch gezogen zu werden, das die geringe Geldsumme, die man erhalten würde, nicht aufwiegen kann. Dieses Gefühl des zweiten Spielers wird, wenn man es mit Bezug auf den ersten Spieler versteht, als Reputation des ersten Spielers bezeichnet – jemand der mich über den Tisch zieht hat die Reputation eines Über-den-Tisch-Ziehers. Und wie so oft gehen auch hier emotionale Komponente und rationale Komponente einer Situation durchaus Hand in Hand: Auch unter „kalten“ rationalen, nutzenmaximierenden Gesichtspunkten erscheint eine Kooperation mit einem Über-den-Tisch-Zieher auf Dauer als unattraktiv. Es würde allerdings, nach allem, was man über soziale Kognition weiß, sehr verwundern, wenn es nicht die intuitiv-emotionale Komponente der Situation wäre, die den Ausschlag zum tatsächlichen Handeln gibt – ähnlich wie bei der Nahrungsaufnahme, die oft stärker von intuitiv-emotionalen Gesichtspunkten geleitet ist („mmmh, lecker!“ als Beweggrund) als von rationalen Gesichtspunkten („mmmh, nahrhaft und gesund!“ als Beweggrund).

Kooperation ist etwas, das offenbar mehr erfordert als beiderseitige Einsicht, dass gemeinsame Interessenverfolgung von beidseitigem Vorteil ist. Wer dies vergisst und darauf beharrt, monetären Nutzen von Emotionen zu trennen, riskiert den Verlust großer Summen Geld.

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