Der Käpt’n und der Geist in der Maschine

Der Käpt‘n ist abgetreten. Und wie. Der Rücktritt von Phillip Lahm aus der Nationalmannschaft kann durchaus als perfekt kommuniziert bewertet werden, insbesondere was seinen Umgang mit der Gemütslage der Verantwortlichen und der Öffentlichkeit anbelangt. Er hat sein Handeln angemessen begründet; er hat niemanden vor den Kopf gestoßen; vor allem aber hat er den entscheidenden Moment abgewartet. Im kollektiven Siegestaumel konnte ihm einfach niemand böse sein. Dieses Warten auf den richtigen Moment, welches im Nachhinein so einfach scheint, scheitert in der Realität leider oft. Das Abpassen der Gemütslage der Zielgruppe zum Ansprechen einer unangenehmen Neuigkeit wird oft als ans Manipulative grenzende Praktik angesehen – die offene, konfliktbetonte Konfrontation gilt hingegen als „hart aber fair“. Diese Verklärung von konfliktfördernder und damit letztlich kooperationshemmender Kommunikation halte ich für grundfalsch, da sie meiner Ansicht nach in einem Bild der menschlichen Psyche verwurzelt ist, welches nicht den uns zum Anfang des 21. Jahrhunderts bekannten Tatsachen entspricht und das vom Philosophen Gilbert Ryle in den schon in den fünfziger Jahren als „Das Dogma vom Geist in der Maschine“ beschrieben wurde.

Der Mensch wird diesem Dogma gemäß als aus zwei Komponenten bestehend wahrgenommen: Dem Körperlichen (die Maschine) und dem Geistigen (der Geist). Dem Körperlichen sind alle mechanischen Tätigkeiten des Körpers zuzuordnen, etwa die Verdauung, Muskelkontraktionen, sowie „niedere“ (oder „tierische“) geistige Tätigkeiten wie Atemregulation, Hungerempfinden oder unsere Stimmungslage. Dem Geistigen ist unser Verstand zuzuordnen, unser Wille, unsere Vorstellungskraft – letzten Endes das, was unter die Vorstellung der „unsterblichen Seele“ fallen würde. Das Problem an diesem Bild besteht darin, dass das Geistige und das Körperliche als zwei Sphären vorgestellt werden, welche nur punktuell miteinander interagieren, ansonsten aber unabhängig sind. Diese grundsätzliche Trennung von Leib und Seele ist in Wissenschaft und Philosophie seit Jahrzenten verworfen oder hat zumindest den Status einer extremen Außenseiterposition.

In unserer Alltagspsychologie taucht dieses eigentlich überwunden geglaubte Dogma vom Geist in der Maschine immer wieder auf. Etwa wenn wir glauben, dass unsere Stimmungslage oder unsere Emotionen unserer Urteilskraft schaden würden oder dass Stimmungen und Emotionen etwas Passives, Fremdbestimmtes seien - und nicht eng an unser eigenes Urteil und unseren Willen geknüpft. Gemäß modernen Emotionstheorien wie etwa Antonio Damasios Somatic Marker Hypothesis ist es aber genau unsere bewusste oder unbewusste Einordnung von Objekten, welche Emotionen überhaupt auslöst. Zudem veranlasst uns das Dogma zu der Vorstellung, dass ein Vernunfturteil unabhängig von unserem Bauchgefühl, unseren Emotionen und unserer Stimmung möglich oder nützlich wäre. Auch dies entspricht nicht dem, was wir über Emotionen wissen – die einzigen Personen, bei denen eine solche Abkopplung bekannt ist, sind Psychopathen und Personen mit speziellen Hirnschädigungen. Bei beiden Gruppen sind spezifische kognitive Defizite bekannt und es liegen keine belastbaren Hinweise auf ein überdurchschnittliches Urteilsvermögen vor.

Diese vom veralteten Dogma vom Geist in der Maschine nahegelegten und erwiesenermaßen falschen Vorstellungen sind letzten Endes nicht mit einem modernen, wissenschaftlichen Weltbild vereinbar, das von einer grundsätzlichen Abhängigkeit von Gehirnprozessen und mentalen Prozessen ausgeht. Wer grundsätzlich nicht im opportunen Moment kommuniziert, kommuniziert also mit Absicht und ohne stichhaltigen Grund in einem ungünstigen Moment. Mit der Folge, dass Missverständnissen und dem Verdacht finsterer Absichten bereitwillig Starthilfe gegeben wird. Konfrontative, konfliktbetonte Kommunikation ist nicht „hart aber fair“ – sie ist lediglich kontraproduktiv.

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